Freitag, 9. Mai 2008
Tagesschau auf Chinesisch!
Ja, Tagesschau gibt es jetzt auch auf Chinesisch! Allerdings nicht im Fernsehen, sondern auf der Homepage. Auf der Seite http://www.tagesschau.de/chinese/ heißt es: “Nachrichten auf Chinesisch bieten wir Ihnen in Kooperation mit dw-world.de an, da durch die Berichterstattung über die Situation in Tibet und den olympischen Fackellauf verstärkt chinesische Nutzer unsere Seite besuchen.“
Es hört sich gut an, nicht wahr? Man wird gar verstärkt von Chinesen besucht!
Aber weswegen? Hat die ARD bzw. die Tagesschau besonders hervorragend über Tibet und den olympischen Fackellauf berichtet? Wie würden denn die Chinesen, die mir nichts dir nichts plötzlich verstärkt die Tagesschau-Seite besuchen, dieses Angebot annehmen?
Kaum ist diese Seite erschienen, wurde sie auch schon auf einem chinesischen Internet-Forum, das in Deutschland beheimatet ist, „heiß“ diskutiert. „Achtet man uns wirklich so sehr?!“ So stellte ein/e Diskutant/in mit dieser unmissverständlich ironischen Frage die sensationelle Neuigkeit vor und forderte zur Diskussion auf.
Die Antworten fielen so vielfältig wie eindeutig aus. Die erste Antwort war schon recht erhellend: „Wer will denn schon wissen, was sie auf Chinesisch berichten! Ich schaue nur auf die deutsche Ausgabe, um zu erfahren, was für Unsinn sie schon wieder verbreiten...“ Oh, oh, da kamen schon Leute, die in der chinesischen Internet-Welt als „Wütende Jugend“, von so manchen neoliberal Gesinnten aber als die „Mist-Jugend“ bezeichnet werden (darüber schreibe ich ein anderes Mal), die wollen gar so mächtigen Presseriesen wie ARD oder Dem Spiegel auf die Finger schauen!
(Hm! Irgendwann habe ich mal gehört, die Presse sei der ungekrönte König der Gesellschaft. Von wem wird die Presse in einer demokratischen Gesellschaft denn kontrolliert? Ist die Presse etwa so ungekrönt wie unkontrolliert?)
Der/die andere vermutete sofort nichts gutes dahinter: „Jetzt fangen sie gar an, Chinesen Gehirnwäsche zu unterziehen...“ Nun kamen lauter Beispiele dafür, wie gründlich das deutsche Gehirn von der Presse gewaschen sei: In deutschen Augen würden Chinesen immer noch in grauer Kleidung herum laufen und an Hunger leiden; chinesische Bauern bräuchten nicht von Deutschen versorgt zu werden, auch wenn sie zu wenig bekämen für das, was sie ausgäben. Man bräuchte also die Schuld des weltweit gestiegenen Lebensmittelpreises nicht in den etwas mehr an Fleisch gewöhnten chinesischen Magen zu schieben...
Stimmen der Resignation waren auch zu hören: „Du hast aber starke Nerven! Für ARD und ZDF habe ich jetzt überhaupt keine Lust mehr.“ Was jetzt kam, da müssten bei den sehr geehrten Damen und Herren Ausländerbeauftragten die Alarmglocken eigentlich ganz laut läutern: „Bei mir auch! Die deutsche Presse hat nur einen Monat gebraucht, um mich, einen integrierten Chinesen, ruckzuck in einen Türken von Neukölln zu verwandeln. Was mich einzig und allein von einem Neuköllner Türken unterscheidet, ist der fehlende Satellitenschüssel auf meinem Hausdach. Auf einmal verstehe ich sie (Neuköllner Türken) wirklich sehr gut. In diese Welt können diese Menschen (jetzt natürlich auch ich) sich wirklich nicht integrieren.“
(Hm! Ich habe mich sowieso schon mehrmals gefragt, wo die sehr geehrten Damen und Herren Ausländerbeauftragten während der ganzen Medien-Hetze geblieben sind.)
Dennoch, Hoffnungsschimmer gibt es immer. Immerhin gab eine/r an, die Deutsche Welle zu mögen.
Und, indem ich diese Zeilen niederschrieb, hörte ich mit einem Ohr, wie ZDF (nein, nicht wirklich lief bei mir das ZDF, sondern Phönix, das sich aber nicht viel besser benommen hat) das heutige Besteigen des Chomolungma durch die Chinesen mit dem Olympischen Feuer als eine große Leistung bezeichnete. Sogar die Kritik des Herrn Brase – nein, zum Glück nicht des Herrn Hano, der sich wirklich nicht unwichtig nimmt – also noch einmal: Sogar die Kritik des Herrn Brase, ebenfalls ZDF-Korrespondent in Beijing, an der chinesischen Pressepolitik kam mir berechtigt vor. Meine Hochachtung!
Ach übrigens, Chomolungma, das klingt komisch, nicht wahr? Ich wundere mich schon lange, warum der Westen, dem der Erhalt der tibetischen Kultur so sehr am Herzen zu liegen scheint, diesen Berg, einen der heiligsten der Tibeter, nicht Chomolungma nennt, sondern immer noch mit dem englischen Bergsteiger-Abenteurer Everest benennt. So wichtig ist die tibetische Kultur dem Westen dann doch nicht so hochheilig?
Ps., damit dieses chinesische Internet-Forum kein Problem bekommt, gebe ich diesmal ausnahmsweise keine Internet-Adresse an.
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